Verein zur Förderung persönlichen Wachstums e.V.

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URSULA BERNAUER

Engel - Überlegungen zu einer archetypischen Kraft

 

Engel – was hat es auf sich mit diesen geflügelten Wesen, die eine so lange Geschichte haben wie die Menschheit? Eine Zeitlang hat es ja so ausgesehen, als ob sie verschwunden gewesen seien, - dann aber, vor gut zwei Jahrzehnten sind sie auf einmal mit mächtigem Flügelschlag wieder in unser kollektives Bewusstsein hereingekommen mit Erstplätzen auf dem Büchermarkt, im Film und in der Werbung, die sich unsere Alltagsrede vom guten Engel geschickt zunutze macht. Der derzeitige Engel-Boom bewegt sich vieldeutig zwischen Kunst und Kitsch, Kommerz und Tradition, doch zeigt er unübersehbar an, dass die Verheißung von Schutz und Rettung, Glück und Geborgenheit einem tiefen Bedürfnis der menschlichen Seele entspricht.

In der Tat: Gäbe es den Engel nicht, was wäre das menschliche Leben? Arm wäre es und Lebensnotwendiges würde ihm fehlen wie die Erfahrung, dass mitten im Alltag das Unverhoffte aufscheint oder dass unversehends der Seele Flügel wachsen. Unerwartet und genau zum rechten Zeitpunkt kommt ein Mensch, der in einer Krise oder Gefahr das rechte Wort sagt oder das Rechte tut. Ein hilfreicher Traum erscheint, ein rettender Einfall, eine Synchronizität, d.h. die Gleichzeitigkeit von Ereignissen, die Sinn machen und Wege aufzeigen. Wenn der Engel da ist, öffnet sich ein Horizont. Perspektiven tun sich auf mit befreiendem Durchatmen und Leichtigkeit, ohne zu wissen, woher sie kommt. Es heisst ja, Engel könnten deshalb fliegen, weil sie sich leicht nehmen (Gilbert Keith Chesterton).

Vielleicht ist der Engel eine Chiffre für die immer wiederkehrende Erfahrung, dass die Welt nicht geschlossen ist und wir nicht allein sind. „Käme kein Engel mehr, dann ginge die Welt unter. Solange Gott die Erde trägt, schickt er seinen Engel“, sagt der Alttestamentler Claus Westermann.

Dafür spricht die Tatsache, dass es keine Kultur, keine Religion der Welt gibt, in der nicht geflügelte Schutzgeister auftauchen in irgendeiner Form. Sie gehören zu den ältesten Überlieferungen der Religionsgeschichte, als Beschützer und Helfer, Warner und Tröster, Traumkünder und Weggeleiter von der Geburt bis zum Tod und über den Tod hinaus. Schon im 3. Jahrtausend v. Chr. finden wir im mesopotanischen Raum mächtige Flügelwesen als dienende und schützende Gestalten zwischen der Götter- und Menschenwelt.

Der geflügelte Löwe von Nimrud

Und fünftausend Jahre später schwebt eine nicht minder stattliche Nana-Engelsfrau der Niki de Saint-Phalle über den Reisenden in der Bahnhofshalle Zürich.

Schutzengel in der grossen Bahnhofshalle im Hauptbahnhof Zürich: Foto: Juri Weiss

Das psychische Bedürfnis nach einer solch geflügelten Schutzgestalt gilt vor allem dann, wenn Menschen an ihre Grenzen kommen und jenseits der gewohnten Absicherungen nach Halt und Trost suchen.

 

GÄbe es den Engel nicht

Von existentiellen Grenzsituationen, Lebensübergängen und Gefahren berichten die zahlreichen Geschichten aus der Bibel, wo der Engel als Bote Gottes hereinbricht, wirkmächtig und immer an entscheidenden Stellen. Der tödlich bedrohte Daniel in der Löwengrube wird von einem Engel beschützt. Dem Elija, der nicht mehr weiterwill und todtraurig unterm Ginsterbusch eingeschlafen ist, bringt der Engel einen Krug voll frischen Wassers und Brot, in glühender Asche gebacken, "nimm und iss, du hast noch einen weiten Weg". Bewegend ist die Geschichte von Tobias, der auf seiner gefährlichen Reise von einem Engel begleitet wird und dabei nicht nur die Erfahrung macht, wie sein Vater Tobit von seiner Blindheit und die verhexte Sara von ihrer Besessenheit geheilt wird: er selbst wird dabei in das Leben und die Liebe eingeführt. Rafael heisst: Gott heilt.

Tobias und der Erzengel Raphael (von Filippino Lippi)

Von zeitloser Aktualität handelt auch der älteste überlieferte Engelstext, den wir kennen (4 Moses 22, 21-35): er erzählt von Bileam, der im Auftrag seines Königs die Israeliten bekämpfen soll. Pflichtbewusst macht er sich mit seiner Eselin auf den Weg, doch "da trat dem Bileam der Engel des Herrn in den Weg" und gebietet ihm mit gezücktem Schwert Einhalt. Interessanterweise bemerkt nicht er den Engel, sondern seine Eselin, die er deshalb prügelt, weil sie nicht weiter will. Sein Ich im Dienst des kollektiven Auftrags ist eben blind. Erst als die Eselin zu ihm spricht, kann auch Bileam den Engel sehen, sodass er die tödliche Gefahr erkennt, umkehrt und als gewandelter Mensch statt des Fluches im Sinn des Königs den Segen über Israel ausspricht. Es springt ins Auge, um wieviel wachsamer die Eselin ist als der doch so angesehene Mann Bileam. Ein heilsames Zusammenspiel findet hier statt von Tier und Engel, Instinktnatur und transzendenter Kraft. Sind deshalb die Hirten auf dem Felde bei ihren Herden die ersten, denen die Engel an Weihnachten die frohe Botschaft verkünden?

Bileam und der Engel. Gustav Jaeger, 1836

Der Engel ist im biblischen Mythos allgegenwärtig (im Alten Testament erscheint er 350 Mal). Allen Bildern gemeinsam ist die reine Gegenwart des Engels, ganz Auge, ganz Ohr, ob er daherkommt in Menschengestalt, als Lichtwesen, oder ob er sich im Traum vernehmen lässt. "Da erschien ihm ein Engel im Traum" - so heisst es von Josef, dem grossen Träumenden, der horcht, aufsteht und tut, wie ihm im Traum gesagt wurde. So wie die drei Weisen aus dem Morgenland, die ihrem Traum folgend sicher in ihr Land zurückgekehrt sind. Traum, Stimme, Engel sind eins.

 

ZwiegesprÄch mit dem guten Engel - Colloquium cum suo angelo bono

Wie immer der Engel kommt, er berührt. Und wo diese Berührung geschieht, begegnet der Mensch seiner Seele. Meister Eckhart, der große Mystiker des Mittelalters, drückt es so aus:

"Wenn Gott seinen Engel zur Seele sendet, so wird sie wahrhaft erkennend…
Da die Seele ein Vermögen hat, alle Dinge zu erkennen,
deshalb ruht sie nimmer, bis sie in das Bild kommt, wo alle Dinge eins sind."

(Meister Eckhart, 1979,S. 166)

Hier ist die Einheitswirklichkeit (unus mundus) angesprochen, in der alle Seinsebenen miteinander zusammenhängen. Diese alchemistische Vorstellung findet eine Entsprechung und Weiterführung in der Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jung, denn er geht davon aus, dass die menschliche Seele transzendente Wirklichkeit erfährt durch die ihr innewohnenden Bilder, die eine solche Anschaulichkeit und gefühlsmässige Faszination bekommen können, dass sie inspirierende und verwandelnde Wegweiserfunktionen im Leben übernehmen.

Der Engel ist, tiefenpsychologisch gesprochen, ein archetypisches Bild, das, wie wir wissen, nicht mit unserem Bewusstsein erfasst werden kann. Wohl aber können wir uns öffnen für das, was aus den Tiefen der seelischen Natur aufsteigt – so wie C. G. Jung es in einer Zeit eigener Sinnkrise getan hat mit jener Gestalt, die aus seinem Unbewussten aufgetaucht war, mit der er ins Gespräch trat und ihr den Namen Philemon gab. Jung kam immer mehr zum Schluss, dass es eine "objektive Psyche" geben muss, die uns leibhaftig ins Bild treten kann. "Nur das, was auf mich wirkt, ist wirklich", sagt er.

"Da die Archetypen relativ autonom sind, wie alle numinosen Inhalte, so können sie nicht einfach rational integriert werden, sie verlangen vielmehr ein dialektisches Verfahren, das heisst eine eigentliche Auseinandersetzung mit ihnen… nämlich als Colloquium cum suo angelo bono, ein inneres Zwiegespräch mit seinem guten Engel."

Hier sind wir mitten im Erfahrungsraum psychotherapeutischer Praxis. Die archetypische Kraft des Engels setzt Impulse, weist auf das hin, was fehlt, heilt, stärkt, rettet, wobei der Engel – wie in den biblischen Erzählungen - nichts tut ohne uns, nur mit uns: halt ein - steh auf - nimm und iss – geh einen anderen Weg. Die Umsetzung dieser Angebote ist an uns. Es geht in diesem "colloquium cum suo angelo bono" also um die Auseinandersetzung zwischen der Botschaft aus dem Unbewussten und dem bewussten Ich. Der Engel ist ein Grenzgänger und Vermittler zwischen Mensch und transzendenter Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod.

Im folgenden sind es drei Aspekte, die mir zum Thema Engel bedeutsam geworden sind für die analytische Arbeit. Voranstellen möchte ich ein Gedicht des spanischen Lyrikers Rafael Alberti:

Der gute Engel II

In der Brust tun sich auf weite, lange Gänge.
Die schlürfen alle Meere.
Scheiben, die alle Straßen erleuchten.
Altane, und alle Türme sind nah.
Die verlassenen Städte bevölkern sich plötzlich.
Entgleiste Züge stehen auf und fahren.
Gesunkene Schiffe schwimmen.
Das Licht netzt den Fuß im Wasser.
Glocken!
Die Luft kreist schneller.
Die Welt, obwohl sie die Welt ist, geht in die Hand eines Kindes.
Glocken!
Ein Engel hat einen Brief vom Himmel gebracht.

(Rafael Alberti, 1974, S. 49)

 

I. BerÜhrung mit dem Engel – einen FlÜgelschlag lang

Die Gegenwart des Engels teilt sich in diesem Gedicht symbolisch mit im Weitwerden des Brustraums, in den erleuchteten Strassen der vorher verlassenen Städte, in den entgleisten Zügen, die aufstehen und fahren. Wenn es Berührung gibt mit dem Engel – er hat einen Brief vom Himmel gebracht - dann kann die Welt neu wahrgenommen werden. Wie erwähnt ist die Bereitschaft für die Annäherung an das Numinose persönlich wie kollektiv dann am grössten, wenn das Schiff auf dem Lebensstrom zu sinken droht oder der Zug am Entgleisen ist. In solcher Notlage kann Aufbruch geschehen mit dem Verlangen nach einer neuen Lebensbewegung, hier ausgedrückt in den Bildern von Licht, kreisender Luft, Glocke.

Oft muss dafür ein deutlicher Weckruf in unserer Psyche vorausgegangen sein wie bei einer Frau in den mittleren Lebensjahren, die dreimal hintereinander eine Stimme geträumt hat, die laut rief: wach auf! Unter dem Druck äußerer Anpassung hatte diese Frau immer beharrlich die Augen zugemacht vor ihrer verfahrenen Lebenssituation. Doch die Stimme im Traum hat sie deutlich vernommen, ein Weckruf, der einen erwartungsvollen Erregungszustand auslöste. Die Träumerin erklärte dieses Schlüsselerlebnis zum Engel ihres Lebens, der sie gerade noch rechtzeitig geweckt hatte, bevor es für eine Lebenswende zu spät war. Wer vom Engel berührt ist, hat auf Erden viel zu tun! Colloquium cum suo angelo bono. Es braucht Entschiedenheit, die Botschaft aus dem eigenen Inneren, das Andere, Neue, in den Alltag hinein zu verwandeln, ihm Flügel wachsen lassen, oft braucht es dafür "Engelsgeduld" (oder "Eselsgeduld" ?)- manchmal aber bleiben wir taub und blind. Hat nicht Nelly Sachs unser Drama sehr gut beschrieben, wenn sie sagt:

"Ihr Ungeübten,
die in den Nächten nichts lernen,
viele Engel sind euch gegeben,
aber ihr seht sie nicht?"

Wie wir gesagt haben: ein Archetyp ist dem Bewusstsein nicht zugänglich, doch er macht sich bemerkbar, klopft an, auch wenn wir niemals wissen können, wie und wann das geschieht. Annäherung an den Engel heisst deshalb vor allem die Bereitschaft zur Achtsamkeit, sich berühren lassen, empfänglich werden, einen Platz frei halten, vielleicht so, wie es aus dem alten Russland erzählt wird: dort würde an bestimmten Feiertagen ein Platz am Familientisch freigehalten für den Fall, dass ein Fremder vorbeikäme: es könnte ja ein Engel sein! Der Fremde als Engel, der Engel als Fremder mag ja wohl heissen, dass der Engel möglicherweise ganz anders ist, als wir ihn uns vorstellen. Man weiss niemals vorher, wie ein Engel aussieht, und dass er da war, merken wir meist erst dann, wenn der Engel vorübergegangen ist.

Der Engel als archetypische Kraft ist letztlich nicht darstellbar und in einem buchstäblichen Sinn "nicht zu fassen". Die Berührung mit dem Numinosen erschliesst Wirkung und Sinn im Nachhinein, zeigt sich oft mehr im Verhalten und Tun als im Sprechen, sie kennt das Schweigen. Die Anerkennung der Andersartigkeit numinoser Phänomene kann zu einem wichtigen Heilmittel werden gegen inflationäre Tendenzen in uns, die sich im Umgang mit den Botschaften des Unbewussten bemächtigen, es genau wissen oder festhalten wollen. Wenn der Engel hereinkommt, bedarf es vor allem eines Raums, damit seine Botschaft gehört und verstanden werden kann – vergleichbar den Darstellungen von der Verkündigung mit ihrem oft grossen Zwischenraum zwischen der ergriffenen Maria und dem Himmelsboten, der mit Sturm hereinkommt, jedoch immer in respektvollem Abstand bleibt. Das Neue, das angekündigt wird, bekommt Raum zum Entstehen.

 

II. Als das Kind Kind war – Engel und Kind

In Wim Wenders Kultfilm "Der Himmel über Berlin" begegnet den beiden Engeln, die durch die Menschenwelt streifen, immer wieder der wache Engelsblick der Kinder, leitmotivisch begleitet von einem Sprechgesang:

"Als das Kind Kind war,
wusste es nicht,
dass es Kind war,
alles war ihm beseelt
und alle Seelen waren eins."

Wann haben wir den Engel zuerst gesehen und erlebt? Natürlich damals, als wir noch klein waren. Vielleicht gab es einen Engel überm Kinderbett, vielleicht sogar so etwas wie eine Gewissheit, dass vierzehn Englein um uns stehen. Wenn wir von der menschlichen Entwicklung ausgehen, so ist das archetypische Bild des Engels zunächst eng verknüpft mit dem kindlichen Grundbedürfnis nach Gehaltensein, Vertrauen und Trost. In vielen innigen Kindergebeten ist der reiche Erfahrungsschatz von himmlischem Beistand und Schutz "auf allen Wegen" aufbewahrt, und es ist nicht verwunderlich, dass auf unzähligen Bilddarstellungen Engel und Kind buchstäblich Hand in Hand gehen.

Schutzengel, Pietro Da Cortona 1656

So ist auch das Bild des Schutzengels das uns vertrauteste und immer wieder bestätigen Erfahrungsberichte von unerwarteter Hilfe bei akuten Gefahren, dass ein Grossteil der Bevölkerung Meinungsumfragen zufolge an einen schützenden Engel glaubt. Wenn Menschen aus einer tief verstörten Lage heraus beginnen, sich ihres Schutzengels zu erinnern oder ihn zu imaginieren, so erfahren sie wieder ein Stück von Grundvertrauen, aus dem heraus ein Kind lebt. Tiefenpsychologisch betrachtet sind der Archetyp des Kindes, das immer noch Werdende in uns, und der Archetyp des Engels einander sehr nahe und im Unbewussten lebenslang verbunden.

Die Publizistin und Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann schreibt in ihren Kindheitserinnerungen:

"Mitten in der Nacht wachte ich auf. Das Schlafzimmer war hell erleuchtet. Links, nach Osten, war das grosse Fenster, von weissen gerafften Gardinen umrahmt, draussen in der Nacht lag der grosse Garten. In der Mitte eine Deckenlampe, mit weissem Stoff sanft verkleidet, aber das war nicht die Lichtquelle. Das Zimmer war einfach als ganzes hell ... aber niemand war zu sehen. Fünf Jahre war ich alt. Aus irgendeinem Grund hat sich mir das eingeprägt ...
Am nächsten Morgen fing ich an zu fragen. Zuerst meine Mutter: warst du in der Nacht in meinem Zimmer? Ich? Wieso? Als ich alle gefragt hatte und niemand nachts in meinem Zimmer gewesen war, da sagte ich mir: dann müssen es die Engel gewesen sein. Das war das Geheimnis. Von nun an behielt ich es bei mir – und bis heute ist es Geheimnis geblieben. Nie habe ich es vergessen, immer daran gedacht. Welch ein Trost."

(Noelle-Neumann, zit. nach Tarr-Krüger, 1999, S. 88)

Kind und Engel: es bedeutet ein grosses Glück, wenn diese archetypisch enge Verbindung nie ganz abreisst im Leben oder wenn sie im Verlauf eines therapeutischen Prozesses wieder spürbar wird. Denn oft genug ist dieses Vertrauen auf himmlischen Schutz mit der Kindheit ausgetrieben worden und damit ein Schatz von inneren Gewissheiten und Träumen verloren gegangen. Umso wertvoller ist es, wenn ein erwachsener Mensch den inneren Raum der Fünfjährigen "Dann müssen es die Engel gewesen sein" ein Leben lang betreten kann.

So wie die Dichterin Rose Ausländer mit ihrem auf der Flucht geschriebenen Vierzeiler:

"Vor vielen Geburtstagen,
als unsere Eltern den Engeln erlaubten,
in unseren Kinderbetten zu schlafen,
ja, meine Lieben, da ging es uns gut."

Das Bild vom Schutzengel ist ein guter Innenraum der Kindheit. Gleichwohl kommt das Bild vom schützenden Engel im Lauf des Lebens auch auf den Prüfstand. Das kindliche Vertrauen auf Schutz und Hilfe ist zerbrechlich, nicht immer hat der Engel geholfen, wie wir es gedacht oder gehofft haben. In der Regel setzt ja ein therapeutischer Prozess eben an dieser Stelle ein, wo Gewissheiten verloren gegangen oder eine verzweifelte Empörung sich ausbreitet, weil das Leben nicht wie vorgesehen weitergeht. Der gute Engel scheint verschwunden, was uns begegnet, ist von bedrohlichem Dunkel. Das "Colloquium cum suo angelo bono" tritt in eine neue Phase.

 

III. Ringen mit dem dunklen Engel

Wir sind beim dritten Aspekt der Überlegungen zu der archetypischen Kraft des Engels. Er ist besonders gut ausgedrückt in dem bekannten Bild des Engelskonzertes vom Isenheimer Altar in Colmar, einem himmlischen Jubelfest von Farbe und Licht. Im Vordergrund sitzt der lichtvolle, unvergleichlich schöne Gambenengel, ganz seinem Spiel hingegeben. Hinter ihm fällt indessen ein schwarz Gefiederter auf, der an die Wand gelehnt in diesem lichten Engelskonzert mitspielt. Mit langen schwarzen Fingern greift er in die Saiten. In der aktiven Imagination hat ihn ein Lehrer, selbst musizierend, entdeckt. Der Dunkle fasziniert und belebt ihn, er aktiviert in ihm eine innere Kraft in der Auseinandersetzung mit dem Schulalltag, den er oft als gewalttätig erlebt und sich dabei als Opfer fühlt. Der schwarze Glanz des Gefiederten fordert ihn heraus zum Kampf zwischen seiner freundlich-ängstlichen Lehrerpersona und der eigenen Wut und Angst. Die sollen künftig mitspielen dürfen, erst dann wird es ein richtiges Konzert. Engel können auch schwarz sein.

Isenheimer Altar: Engelskonzert

Ist im Engelskonzert Grünewalds der Engel und sein Schatten dargestellt, die helle und die dunkle Seite dieses Archetyps? Vielleicht begegnet uns letztere ja besonders dann, wenn wir das Bild vom Engel vereinseitigt haben und daraus kindliche Ansprüche einklagen, wenn wir vergessen, dass der Engel wie alle numinosen Phänomene ein Mysterium bleibt, fascinosum und tremendum. Nicht von ungefähr werden alle biblischen Engelsbegegnungen eingeleitet mit dem Satz: Fürchtet euch nicht.

Die Wirkmacht des Engels auf unsere Psyche kann so gross sein, dass er selbst uns die Kraft geben muss, ihrem Schrecken standhalten zu können - so wie es in unnachahmlicher Weise in der Erzählung vom Jakobskampf beschrieben wird: Auf dem Rückweg in angstvoller Erwartung des Wiedersehens mit seinem betrogenen Bruder Esau wird Jakob mitten in der Nacht der Weg versperrt, am Flussübergang, "da rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg". Bei aller bedrohlichen Überlegenheit muss Jakob so fasziniert sein von seinem Gegner, dass er ihm die Bedingung stellt, "Ich lasse dich nicht los, du segnest mich denn." Freilich kann Jakob erst im Nachhinein erkennen, dass es der Engel des Herrn war, mit dem er gerungen hat. Jakob hat aus dem nächtlichen Kampf eine hinkende Hüfte davongetragen, aber dafür das Sonnenlicht eines neuen Bewusstseins und eine neue Identität erhalten.

Rembrandt, Harmensz van Rijn: Jakobs Kampf mit dem Engel

Das Ringen mit dem dunklen Engel bedeutet Auseinandersetzung mit dem Schattenbruder, ein Geburts-und Reifungsvorgang, von dem C. G. Jung sagt:

"Im religiösen Erlebnis begegnet der Mensch einem übermächtig Anderen.
Und nur das Übermächtige, welchen Ausdruck es auch annimmt,
fordert den Menschen als Ganzen heraus und zwingt ihn, als Ganzheit zu reagieren."
(Jung, 1958, GW 10, § 655)

Der Kampf von Jakob mit dem Engel ist für ihn eine Chiffre für dieses unausweichliche Ringen auf dem Weg der Ganzwerdung. Von dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson stammt der Satz, dass der Mensch erst dann zu sich selber komme, "wenn er seine eigene Neurose zum Engel des Herrn erhebt, mit dem er zu kämpfen hat und den er nicht lassen wird, bis er ihn auch segne." (Erikson, 1965, S.15)

Das Ringen mit dem Engel als notwendige Erfahrung auf dem Weg der Individuation wird uns lebenslang begleiten. Nicht von ungefähr fällt im Sterben, der letzten Übergangssituation des Menschen, dem Kampf mit dem Schatten noch einmal eine entscheidende Rolle zu, wie uns die Ars Moriendi aus dem 15. Jahrhundert eindrücklich vor Augen führt. Die fünf Anfechtungen des Sterbenden (Unglaube, Verzweiflung, Ungeduld, Selbstgefälligkeit und Habsucht) werden, so sagt es dieses alte Sterbebüchlein, aufgefangen von fünf trostspendenden Engeln, die dann zur Seite stehen. Denn am Ende unseres lebenslangen Ringens zwischen Gut und Böse steht schliesslich der Engel bereit, um die Tore des Himmels zu öffnen und die Seele in den Himmel zu tragen. Ein alter Volksglaube sagt ja, dass der Engel das ganze Leben lang hinter uns geht bis zu diesem Zeitpunkt, wo er uns von vorne entgegentritt: das bedeutet den Tod. Dann erst können wir erkennen, dass der Engel schon immer da war und um uns gewusst hat, besser als wir selbst mit unserem bewussten und planenden Ich.

Ars moriendi

Der Engel als Symbol und HÜter unseres Selbst

Die aufgezeigten Aspekte von der numinosen Andersartigkeit des Engels, seiner Nähe zum Kindarchetyp und der Notwendigkeit des Kampfes mit dem Schatten lassen schlussfolgernd den Engel im Sinne der Analytischen Psychologie C. G. Jungs als umfassendere Persönlichkeit des Menschen und Symbol des Selbst erscheinen. Der Engel öffnet die Tür zum persönlichsten Inneren und bleibt gleichzeitig Bote aus einer anderen Wirklichkeit. Marie-Luise von Franz hat diese Zusammenschau von Engel und Selbst tief berührt wiedergefunden in der Gestalt des „Genius“ (Daimonion) aus der griechischen Antike. Dort beschreibt ihn Apuleius folgendermassen:

Er ist "privater Beschützer, individueller Lenker, Beobachter dessen, was im Inneren vorgeht, eigenster Fürsorger, intimster Kenner, eifrigster Beobachter, individueller Richter, unabweisbarer Zeuge in der Unterscheidung von Gut und Böse. Wenn man ihn zu erkennen sucht und religiös ehrt, dann erweist er sich als derjenige, der unsichere Situationen durchschauen, in zweifelhaften Lagen warnen kann, in gefährlichen Lagen uns schützen, in der Not uns helfen. Er kann eingreifen, bald durch einen Traum, bald durch Zeichen (d. h. synchronistische Ereignisse) bald durch das Erscheinen eines Menschen, um Böses abzuwehren, Gutes zu fördern, die niedergeschlagene Seele zu erheben, unseren Wankelmut zu stützen, Dunkles zu erhellen, Günstiges auf uns zu lenken und Übles auszugleichen." (Franz, 1988, S. 172 f.)

Der Engel als innerer Seelengefährte verbindet uns mit der Transzendenz und erinnert daran, dass "unser Weltbild nur dann der Wirklichkeit entspricht, wenn das Unwahrscheinliche darin Platz hat", wie Jung sagt. Freilich vollzieht sich die Entwicklung einer inneren Gefährtenschaft mit dem Engel in vielen Schritten, durch mancherlei Brüche und in einem lebenslangen Werdeprozess. Der Engel kommt und geht, er verändert sein Gesicht und seine Gestalt, bis wir erkennen, dass es sich um Bilder handelt, die uns als Ausdruck unseres Selbst gegenübertreten und erkannt werden wollen – um die zu werden, die wir sind.

Der Traum von den drei Engeln

Der letzte Engel war der schönste:
Olivenlaub war sein Gewand,
und sein Gesicht glich einem Falter
auf dem der Trauer ewiges Alter
als grosse schwarze Flammen stand.

Den ersten Engel wollte ich nicht lassen,
den zweiten wagte ich nicht anzufassen,
da nahm der dritte sanft mich bei der Hand.

Seither kann ich die andern nicht beschreiben.
Ich frag auch nicht: wird dieser letzte bleiben?
Ich gehe nur und weiß: Ich bin erkannt.

(Christine Busta, 1999, S. 173)

Literatur

Alberti R. (1974): Zu Lande, zu Wasser. Frankfurt: Suhrkamp

Busta Ch. (1999) in: „Ich bin so vielfach in den Nächten“, Traumgedichte (hrsg. v. M. Rüetschi und P. Wild). Zürich:Pendo

Erikson E. (1965): Einsicht und Verantwortung. Frankfurt: Fischer

Franz M. L. von (1988): Spiegelungen der Seele. München: Kösel

Jung C. G. (1983): Ges.Werke, Bd. 10, Der Neue Mythus. Olten:Walter

Meister Eckhart (1979): Deutsche Predigten und Traktate (Hrsg. J. Quint). München Tarr

Krüger I. (1999): Schutzengel. Freiburg: Herder

Vorgrimler H., Bernauer U., Sternberg T. (2001): Engel – Erfahrungen göttlicher Nähe Freiburg: Herder

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