Verein zur Förderung persönlichen Wachstums e.V.

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URSULA BERNAUER

Totentexte aus dem Alten Ägypten - Wegweiser in die Lebenserneuerung

 

Keine Kultur der Welt hat sich in so ausschließlicher Weise mit Tod und Lebenserneuerung befasst wie die altägyptische. Der Lauf der Sonne mit ihrem Auf- und Niedergang, das Steigen und Fallen des Nils und das Leben mit der Wüste, in der alles Leben erstirbt, wurde den Ägyptern zu Symbolen vom eigenen Werden und Vergehen. Ihre Hoffnung richtete sich darauf, für immer an der Seite der Sonne zu sein und nach dem Tod in einer verklärten, unvergänglichen Existenz weiterzuleben Das Grab ist für den Ägypter ein "machtvoller Ort, von dem du auferstehst". In der Tat beziehen wir unser ganzes Wissen über die ägyptische Religion aus ihren Gräbern.

Nut

Dort begegnen wir der Himmelsgöttin Nut, die sich mit ihrem sternenübersäten Leib über die Erde beugt und am Abend den Sonnenball verschluckt, um ihn am Morgen aus ihren Schenkeln neu zu gebären. Das jubelnd begrüßte Sonnenkind wächst heran und fährt als geflügelte Sonne über den Tageshimmel, bis es am späten Nachmittag altert zum Sonnengreis, der am Abend wiederum eintaucht in den Mund seiner großen Himmelsmutter für die lange Reise durch die Nacht im Schutz ihres Leibes – ein ewiger Kreislauf von Sterben und Neugeborenwerden. Dabei geht der nächtliche Weg der Sonne immer in entgegengesetzter Zeitrichtung, vom Greis zum kleinen Kind, vom Tod zum Leben.

In einem Sonnenhymnus des Pharao, der gleich dem Sonnengott Re unsterblich ist, heißt es:

"Der König,
er kennt das Geborenwerden des Re und seine Verwandlung in der Flut.
Er kennt das Geheimnis."

 

"du stirbst, du lebst" – vom Tod zum Leben

In einem Zeitraum von nahezu dreitausend Jahren – d.h. vom Alten Reich 2.700 v. Chr. bis hinein in die griechisch-römische Zeit – haben die Ägypter dieses Geheimnis bewahrt, dass der Tod einen Durchgang darstellen muss zu einem neuen, verjüngten Leben. Es wurde verkörpert im Sonnengott, der die Welt geschaffen hat, ihr Leben in Gang hält und als treibende Kraft hinter jeder Bewusstwerdung steht.

Diesem Mythos entspricht das Gleichnisbild der Sonne, mit dem C. G. Jung immer wieder das menschliche Leben verglichen hat: wie die Sonne aufsteigt zum Zenit, so muss der Mensch sein Ich entwickeln, um sich hinein zu verwirklichen ins Leben. So wichtig es ist, auf die Höhe seiner Zeit zu kommen, so bedeutsam ist auch die Aufgabe am Lebensnachmittag, wenn die Sonne beginnt, sich zu neigen.

"Von der Lebensmitte an bleibt nur der lebendig, der mit dem Leben sterben will.
Denn das, was in der geheimen Stunde des Lebensmittags geschieht, ist die Umkehr der Parabel, die Geburt des Todes...
Nicht sterben wollen ist das gleiche wie nicht leben wollen.
Werden und Vergehen ist dieselbe Kurve."

(C. G. Jung, Seele und Tod, GW VIII, S. 191)

Der Weg der Sonne über den Himmel und ihr Eintauchen in das Dunkel der Nacht kann verstanden werden als mythologisches Vorbild dieser von Jung zitierten "Geburt des Todes", in der sich die Sichtweisen oftmals umkehren und einen Prozess seelischer Erneuerung einleiten.

Schon in den Pyramidentexten des Alten Reiches, den frühesten Zeugnissen ägyptischen Jenseitsglaubens, finden wir in einer Vielzahl von Sprüchen das Verlangen nach dieser Verwandlung, die durch den Tod zum Leben führt. "du schläfst, du wachst, du stirbst, du lebst". Während zunächst der Himmel das Ziel der Jenseitsreise ist, kommt im Laufe der Jahrhunderte immer mehr auch der Westen in den Blick, der Ort, wo die Sonne untergeht und wo die Unterwelt beginnt.

Davon erfahren wir auch in dem berühmt gewordenen literarischen Zeugnis jener Zeit, dem "Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba". Ba bedeutet im ägyptischen Verständnis die Seele bzw. der bewegliche und meist vogelartig vorgestellte Seelenteil des Menschen, der zur Sphäre des unvergänglichen Lichts gehört und im Augenblick des Todes dorthin zurückfliegt. In diesem Gespräch erkennt der lebensüberdrüssige Mensch ("Zu wem soll ich noch reden? Ich bin beladen mit Elend und ohne einen Vertrauten"), dass seine Ba-Seele, die ihm zunächst feindlich vorkommt, in Wahrheit sein Bruder ist, ja sogar seine Heimat, wo er herkommt und wo er wieder hingeht. Gerade in der äußersten Not und Verzweiflung wird für diesen Mann die wirksame Macht des Ba, seines inneren Selbst, fühlbar, die ihn zu tiefer Selbsterkenntnis und Ganzwerdung führt.

Ba

Darum geht es auch in den Unterwelts– und Totenbüchern, die ab dem Beginn des Neuen Reiches ( ca 1.500 v. Chr.) die Wände der Grabkammern in reicher Fülle ausstatten. Sie können aus der Sicht der Jung’schen Psychologie gelesen werden wie eine konkrete Anweisung über die einzelnen Stationen, die in diesem seelischen Erneuerungprozess zu durchlaufen sind. Wer in die Gräber am thebanischen Westufer bis teilweise tief unter die Erde hinabsteigt, dem tut sich ein prächtiger Bildersaal des kollektiven Unbewussten auf, dessen Eindruck überwältigt und der einen bei aller Fremdartigkeit nie mehr loslässt. Die Bildtexte im Pfortenbuch und vor allem im Amduat, "der Schrift des verborgenen Raumes", richten sich ebenso an den Pharao wie auch an alle Lebenden, denn, so heißt es am Schluss dieses Unterweltbuches:

"Wer diese geheimnisvollen Bilder kennt, der ist ein seliger Toter.
Immer geht er ein und aus in der Unterwelt,
immer spricht er zu den Lebenden, als wahr erprobt, Millionen Mal!"

Das Geheimnis des ägyptischen "Stirb und Werde" erweist sich als ein Einweihungsweg, auf dem der Tod überwunden wird durch das Eintreten in den Sonnenlauf. "Wer den Blick auf die Sonne richtet, dem erschließt sich das Wesen der Finsternis", wie es im Spruch 115 des ägyptischen Totenbuches heißt. So wird es auch möglich, einen Blick in jene sonst verschlossenen und dunklen Räume unter der Oberfläche der Welt zu werfen und sie ein Stück weit auszuloten. In diesem Bemühen haben die Ägypter wohl als erste Tiefenpsychologie betrieben und das Unbewusste als tragenden, regenerierenden Grund der Welt erfahren.

 

Lebenserneuerung aus der Unterwelt – der Kampf mit der Apophis-Schlange

Das Gefährt, das den Ägypter von der Tageshelle des Bewusstseins hinabträgt in die Tiefe des Unbewussten, ist die Barke des Sonnengottes Re und seiner Begleitung. Ihre Fahrbahn ist der unterirdische Strom Nun, der niemals verlassen werden darf. Der Übertritt in die Unterwelt erfolgt indessen nicht abrupt: vielmehr ist der Weg nach unten gegliedert in zwölf Nachtstunden, von denen jede ihre eigene Charakterisierung und Aufgabe hat. Zunächst fährt die Barke durch fruchtbares Land von paradiesischer Schönheit und für die ersten drei Stunden nach Sonnenuntergang werden im Amduat noch genaue Masse angegeben, wie weit zu fahren ist. Ab der vierten Stunde lässt sich die Tiefe jedoch nicht mehr ausloten, denn jetzt fährt die Sonnenbarke in das Sokar-Land ein, eine unwirtliche, von Schlangen wimmelnde Sandregion. Entlehnt aus der Erfahrung des Ägypters mit den Sandbänken des Nils in Zeiten der Trockenheit, gibt dieses Bild eine Ahnung wieder von der Gefahr des Versandens und des Steckenbleibens für alle, die sich der Tiefe zuwenden. Der Weg beginnt nun zickzack zu verlaufen, das Bewusstsein verwirrt sich, was selbst die Götter in Furcht versetzt. Jetzt kommt es vor allem darauf an, auf der Sonnenbahn zu bleiben und mutig den Weg fortzusetzen, vorbei am Feuersee der fünften Stunde.

Am dramatischsten aber wird die siebte Stunde, wo der Sonnengott Re den Kampf aufnehmen muss mit seinem Widersacher Apophis, der kosmischen Personifikation des Bösen. Mit ihrem riesigen Schlangenleib hat dieser gefährlichste Feind von Göttern und Menschen das Wasser des Unterweltstroms ausgeschlürft, so dass die Sonnenbarke nicht mehr weiterfahren kann. Vernichtung droht, Stillstand und Rückfall ins Chaos für die ganze Schöpfung.

Apophis-Schlange

In diesem Moment beginnt der Kampf der Götter und Göttinnen, die Re begleiten, allen voran Isis mit ihrer vielgerühmten Zaubermacht und Seth mit seiner gewaltigen Lanze, die er gegen Apophis richtet. Durch die Zauberkraft des Weiblichen gelähmt und durch die aggressiv zustoßende Kraft des Männlichen getroffen muss Apophis alles Wasser wieder ausspeien, so dass die Barke wieder in Fahrt kommen kann.

Mit dieser Kampfsituation zwischen Re und Apophis unter Aufbietung aller Kräfte haben die Ägypter das eindrücklichste Symbol geschaffen für die Gegensatzspannung der Welt: zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkel, zwischen Todesgefahr und Erneuerung, zwischen einer bewussten Seinsordnung und einer unbewusst drohenden Chaos-Welt. Dieser Kampf hört niemals auf, er ist niemals vollständig und er muss alltäglich neu gewagt werden.

 

Seth - gewalttÄtiger Schattenbruder und hilfreicher DrachentÖter

Besonders bemerkenswert an diesem Kampf scheint die Gestalt des Seth, den wir in vorderster Front der Sonnenbarke antreffen. Wissen wir doch von ihm, dass er aus Neid und Hass seinen wohltätigen Bruder Osiris ermordet, zerstückelt und in den Nil geworfen hat, wo Isis, die liebende und trauernde Schwestergattin des Osiris, die zerstreuten Glieder des Gottes zusammengesammelt und ins Leben zurückgerufen hat, um von ihm den Sohn und Erben Horus zu empfangen. Osiris, der das Todesschicksal erlitten hat, wird zum Herrscher der Unterwelt, wo er sich allnächtlich in der sechsten Stunde mit dem Sonnengott vereinigt und in diesem großen Mysterium Coniunctionis die Neuschöpfung der Welt garantiert. Sein Sohn Horus vertritt auf Erden die Legitimität und das Recht, während Seth (nachdem er durch Horus herausgefordert worden ist) fürderhin der Herr der Wüste ist und damit außerhalb der Ordnung steht.

Seth

Ausgerechnet Seth, diese mörderische und primitive Urgestalt, "der Donnerer, Hurenbock, Abscheu des Osiris" wird in den Unterweltbüchern zum wirkmächtigsten Helfer des Sonnengottes gegen die Kräfte der totalen Zerstörung. Psychologisch verkörpert Seth den gewalttätigen Aspekt des Sonnengottes, was heißt, dass eine Nachtmeerfahrt im Sinne tieferer Bewusstwerdung ohne die dunkle Seite der Psyche, den Schatten, nicht denkbar ist. Im entscheidenden Augenblick, wenn Vernichtung droht und keine Rettung mehr in Sicht ist, wird dieser Schattenteil herangezogen und seine aggressiven Kräfte in den Dienst des Lebens gestellt. Deshalb vielleicht wird Seth auch "der älteste Zauberer" genannt.

Den Schatten am eigenen Leib erfahren zu müssen, bleibt somit keinem erspart, der am neuen Leben teilhaben will. Diese dunkel-destruktiven Seiten der Psyche negieren die ägyptischen Totentexte also nicht, sie machen sie vielmehr sichtbar und weisen ihnen ihren festen Platz zu. In der Konfrontation mit dem Bösen, das nie definitiv besiegt werden kann, müssen eben alle Kräfte aufgeboten werden, des bewussten und des unbewussten Ich, der hellen wie der dunklen Seite. Nur so ist der Prozess von Regeneration möglich, damit der Sonnenlauf, d. h. der Lauf des Lebens weitergehen und sich entwickeln kann.

Horus

Von daher auch der große Jubel von Göttern und Menschen, wenn dieser regenerierende Durchgang täglicher Erneuerung geglückt ist. In der elften Stunde des Pfortenbuches, kurz bevor die Sonne wieder neugeboren wird, erscheint dazu ein sinnenfälliges Symbol: "Der mit den beiden Gesichtern". Es sind die Köpfe von Horus und Seth, welche in ihrer dualen Einheit die einsgewordene Gegensatznatur der wiedergeborenen Schöpfung verkörpern.

Horus und Seth

 

Im Licht der Sonne – EinÜbung in die Weisheit des Herzens

Die alten Ägypter, die mit ihrer reichen Bilderwelt bis heute zu einem lebendigen Dialog über Leben und Sterben einladen, schienen geahnt zu haben, wie verflochten und hintergründig unser menschliches Wesen ist. Nichts ist in ihrem Mythos ausgegrenzt, weder gut noch böse, hell noch dunkel, oben noch unten. Alles scheint zusammenzugehören, wofür wohl auch die Zwitternatur der ägyptischen Gottheiten spricht, die in wechselnden Gestalten mit Tierkopf und Menschenleib dargestellt werden. Entscheidend ist, dass das, was getrennt ist, in einen Zusammenhang, mehr noch, in ein Gleichgewicht gebracht wird.

So fällt auf, dass in den Illustrationen des ägyptischen Jenseitsgerichts die Seelenwaage, über die der ibisköpfige Gott Thot wacht, sich immer im Gleichgewicht befindet: in der einen Waagschale liegt das Herz des Verstorbenen und damit alles, was er im Leben getan und unterlassen hat, in der anderen die Feder der Maat, der Tochter des Sonnengottes und Sachwalterin von Ordnung und Gerechtigkeit. Der Ort, wo das Totengericht stattfindet, heißt "die Halle der beiden Wahrheiten", denn offenbar geht es darum, nun die Wahrheit des Tages und die Wahrheit der Nacht zu einer Einheit zu bringen. Freilich hofft der Ägypter wie jeder Sterbliche darauf, vor Osiris, seinem Totenrichter in der Unterwelt, bestehen zu können und in die Gemeinschaft der Verklärten aufgenommen zu werden. Denn er wünscht sich nichts mehr, als selber zu einem Osiris zu werden und damit dem Sonnengott zuzujubeln, wenn dieser allnächtlich durch die Unterwelt fährt und mit seinem ewigen Licht die Seelen der Verstorbenen aufweckt und erleuchtet.

"Dein rechtes Auge ist der Tag, dein linkes Auge ist die Nacht.
Dir gehört das Leben, kein anderer wird sein, du gibst Leben jedem Gesicht,
du bist die Luft, die die Kehle atmen lässt,
du bist die Nilüberschwemmung, die die Menschheit am Leben hält.
Ich rief zu dir, als ich in der Finsternis war, und du bist gekommen, um mich zu retten.
Du bist Amun-Re, der Herr von Theben, du leuchtest dem, der in der Unterwelt ist.
Wie schön ist es, in deiner Hand zu sitzen, in der Hand des Schweigenden, des Schützers, des Retters."

(Anrufung im ägyptischen Totenbuch um 1.500 v.Chr.)

Osiris

Wie ein solcher Jenseitsglaube zu einer Einübung des Herzens in Leben und Sterben wird, davon zeugt folgender Text, den ein König an seinen Sohn und Nachfolger aus noch älterer Zeit hinterlassen hat:

"Vertraue nicht auf die Länge der Jahre: sie sehen die Lebenszeit wie eine Stunde an.
Nach dem Sterben bleibt der Mensch allein, und seine Taten werden auf einen Haufen neben ihn gelegt.
Dort bleibt man in Ewigkeit, und wer sich darüber beklagt, ist ein Tor.
Wer es (das Jenseits) aber erreicht, ohne Unrecht getan zu haben,
der wird dort sein wie ein Gott, frei schreitend wie die Herren der Ewigkeit."

 

Literatur

Erik Hornung, Die Nachtfahrt der Sonne, Artemis-Verlag Zürich 1991

Ägyptische Unterweltsbücher, übersetzt und erläutert von Erik Hornung, Zürich 1989

Helmuth Jacobsohn, Das Gespräch eines Lebensmüden mit seinem Ba, Studien aus dem C. G. Jung-Institut Zürich, o. J.

Andreas Schweizer, Jenseitsvorstellungen im Alten Ägypten, Vortragsmanuskript 1991

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