Verein zur Förderung persönlichen Wachstums e.V.

Der Verein hat seinen Sitz in Welschbillig (Nähe Trier/Luxembourg).

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Mein Weg im Aikido

Magdalena Maspoli

Zertifikatsarbeit im Rahmen der Langzeitgruppe 1999-2001
im Seminarhaus SCHMIEDE, D-54298 Welschbillig

Kapitel 1: Aikido
Kapitel 2: Training
Kapitel 3: Eindrücke
Kapitel 4: Werdegang
Anhang: Glossar
Anhang: Literatur

(Fotos: Ulrich Alscher, Wenden; Alice Jaeckel, Zürich)

EindrÜcke

Beobachtungen und EindrÜcke beim Trainieren

Verwirrung

In den ersten Übungsstunden müssen so viele Informationen aufgenommen werden, dass es im Kopf ein verwirrendes Durcheinander gibt. Wo ist rechts oder links, wo oben oder unten, welcher Fuß steht vorne, was soll die linke Hand tun? Wie heißt jetzt wieder diese Übung? Wieso machen die Füße etwas anderes als der Kopf ihnen sagt? Wer hält dieses angebliche Unvermögen aus? Die Gefahr ist groß, in dieser Phase, das Training abzubrechen, sogar aus der Stunde wegzulaufen. Im Dabeibleiben liegt die Chance, diese Situation der Verwirrung zu nützen, um alte Muster loszulassen bzw. umzuprogrammieren. Bisher gab der Kopf das Kommando an für das, was wann zu tun oder zu lassen war. Mit den nun vielen neuen Bewegungsabläufen gerät in dieses Kopfwissen ein ziemliches Durcheinander, und bewirkt eine Neuorientierung und ein neues Programmieren direkt im Körper, ohne dass der Kopf bewusst steuert. Mit fortlaufendem Üben erinnert sich der Körper der angesagten Bewegungsabläufe und fügt sich da hinein, besonders, wenn er sie als angenehm erlebt hat. Das Körpergedächtnis kommt zum Tragen.

Durchschlagskraft

Von den Übenden wird Schlagfähigkeit gefordert. Besonders Frauen haben große Schlaghemmungen. Wer durfte schon einmal zuschlagen? Und hier wird plötzlich aufgefordert, mit voller Kraft einen Kopfschlag oder Bauchstoß auszuführen. Niemand verweigert den Schlag, sondern probiert ihn. Das sieht zunächst ganz echt aus, dann aber stoppt der Schlag kurz vor dem Gegenüber. Die Kraft bleibt im Arm stecken, für die angreifende Person ein unangenehmes Gefühl. Der anzugreifenden Person geht es ebenfalls nicht gut. Sie wollte diese Gelegenheit wahrnehmen und eine gute Abwehr ausprobieren. Sie fühlt sich übergangen, auch ein unangenehmes Geffhl. Erst nachdem der Lehrer erklärt, dass ohne Schlag die Übung nicht ausgeführt werden kann, gelingt es beiden Übenden, einerseits die Schlaghemmung zu überwinden und zuzuschlagen und andererseits, dem energischen Schlag eine empfangende und weiterleitende Energie entgegenzubringen.

Das Üben der Durchschlagskraft zerschlägt zudem ein altes, gefestigtes Tabu: Zuschlagen ist zerstörerisch und ziemt sich für kultivierte Menschen nicht.

Und noch etwas wird erkannt: Erstaunen über die vorhandene Kraft. Es erwacht sogar Freude über dieses Potenzial. Manchmal löst es auch lange verhaltene Tränen, weil sich die Lust am verbotenen Schlagen im Körper verkapselt hatte.

Körpergröße

Was macht eine kleingewachsene Person einem ihr größenmäßig überlegenen Partner gegenüber? Fällt sie in das Verhalten der Maus vor der Schlange? Macht sie sich blind, taub, oder noch kleiner und unscheinbarer? Lässt sie sich allein vom Äußeren beeindrucken und bedrängen? Oder weicht sie aus, sucht ein anderes Gegenüber? Oder sucht sie Hilfe beim Trainingsleiter?

Vielleicht handelt sie aktiv! Zum Beispiel, indem sie an die große Person nahe heran geht, weil sie bereits erfahren hat, dass sie in deren nächster Nähe am sichersten ist, da diese förmlich über sie hinweg greift. Wenn sie sich zudem deren Bewegungen anpasst und führen lässt, ist sie wach für die zur Verfügung stehenden Auswege.

Macht / Ohnmacht

Eine angreifende Person kommt zielstrebig, kraftvoll und energiegeladen auf die ihr gegenüber stehende Person zu. Diese hat gelernt, einem solchen Angriff einfach aus dem Weg zu gehen, d.h. einen Schritt zur Seite zu machen und aus der Angriffslinie heraus zu treten und ist damit zunächst einmal in Sicherheit. Die Angreifende läuft ins Leere, muss sich umdrehen und neu orientieren: eine unerwartete und unangenehme Situation.

Ähnlich kann ein Angriff überstanden werden, indem sich die angegriffene Person vor der Angreifenden spontan auf die Knie sinken lässt, sich also klein macht. Die angreifende Person muss sich dann blitzschnell eine andere Weiterführung des Angriffs einfallen lassen. Dann kommt ihr zugute, wenn sie das Rollen gelernt hat.

Das Machtspiel läuft nicht mehr! Die angegriffene, vermeintlich ohnmächtige Person handelte gelassen und die angreifende, sich überlegen fühlende Person kann vom Boden aus neu beginnen.

Spielraum

Wie oft wird bei einer Konfrontation der Handlungsspielraum gleich zu Beginn dem Gegenüber freiwillig überlassen. Die Möglichkeit, in diesem Freiraumm die aufeinander treffenden Kräfte erst einmal wahrzunehmen, auszuprobieren und zu messen, wird gar nicht erst ergriffen. Damit ist der "Kampf" bereits entschieden, denn das Gegenüber kann sofort die Entscheidung herbeiführen. Auch für den Spaß, den es beim Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten gibt, bleibt bei diesem Aufgeben kein Platz. Zu beobachten ist, wie experimentierfreudige Menschen diesen Spielraumm genießen, und Personen mit wenig Selbstbewusstsein dabei Bestätigung ihres vermeintlichen Unterlegenseins erfahren.

Aufmerksamkeit / Präsenz

Wie oft heißt es im Training: "Wo seid ihr? Wohin schaust du?" Es ist so viel einfacher, besonders in einer großen Gruppe, sich mit den Mittrainierenden zu beschäftigen, statt mit dem, was der Lehrer vorzeigt. Und bequem ist es, sich dann von anderen zeigen zu lassen, was gerade geübt werden soll. Präsenz heißt im aikido: wahrnehmen, wo und wie ich stehe, in welchem Abstand zum Gegenüber; wie ist mein Körper jetzt da, ist er voller Spannkraft, sind die Muskeln und Gelenke aufgewärmt und mit Energie gefüllt. Besteht Blickkontakt mit dem Gegenüber. Aufmerksamkeit verträgt sich nicht mit Müdigkeit, Schlaffheit oder Abgelenktsein.

Beim Morgentraining ist zu beobachten, wie die Bereitschaft zu Präsenz und Einsatz noch sehr niedrig ist. Nach altem, eingefleischtem Muster werden die Gliedmaßen geführt, statt sie der Schwerkraft zu überlassen. Wiederholte Bewegungen werden mechanisch ausgeführt. Der Blick ruht weit draußen statt beim Gegenüber, oder ist auf den Boden fixiert statt auf Weitwinkel eingestellt. Dann lockt eine lustige, unkonventionelle Hampelmann- oder Fratzen-Übung Lachen hervor und weckt die Präsenz und die Aufmerksamkeit. Erstaunlicherweise wächst zugleich die Beweglichkeit und Freude am Training.

Bauchmitte

Nachdem der Kopf frei wird von den Anforderungen, die Techniken präzise auszuführen, ereignen sich neue Erfahrungen. Zum Beispiel fällt das Armheben beim Ausholen zu einem Schlag viel leichter, wenn die Bewegung von der Bauchmitte her eingeleitet wird. Die Standfestigkeit wächst, je mehr die Bauchmitte zum Boden hin abgesenkt wird. Die Drehung zum Partner hin gelingt leicht, weil sie um die eigene Mitte erfolgt. Diese Mitte in der Mitte des Beckens ist oft unbekanntes Land, das es durch Wahrnehmungs- und Bewegungsübungen zu entdecken gilt. Mit dem Entdecken und dem daraus Handeln werden alle Übungen wirkungsvoller.

Spirale

Großes Staunen entsteht beim Erkennen, dass Bewegungen meist spiralfürmig ablaufen und daher leichter, organischer und effizienter erfolgen. Ein geradliniges Hin und Her, Auf und Ab hat zwar auch Stoßkraft, die gleiche Bewegung in Spiralform ausgeführt, bewirkt mehr. Ein kleines Beispiel ist das Aufwärmen des Handgelenks: ein Ring aus Daumen und Mittelfinger wird um das Gelenk der anderen Hand gelegt und das umfasste Handgelenk nun durch diesen Ring spiralförmig vor und zurück dreht. Die entstehende Wärme und Weichheit breitet sich im den ganzen Körper aus.

Hilfestellung

Beim Üben ist es unbedingt nötig, dass die angegriffene Person für ihre eigene gute Standfestigkeit sorgt, auch wenn sie ihre Position ändert. Sobald sie ihre Standfestigkeit verliert, erhöht sich die Verletzungsgefahr für die angreifende Person, weil sie beim Ausweichen oder Fallen nicht einen eventuell nötigen Halt beim Gegenüber findet. Wenn auf die Standfestigkeit verzichtet wird, weil man meint, dem Gegenüber Hilfestellung leisten zu müssen, kann die Technik meist nicht sauber zu Ende geführt werden. Beide fallen in Unsicherheit.

Klarheit

Die unzähligen Techniken des aikido setzen sich aus fest geregelten Grundübungen zusammen. Es gibt darin klare Strukturen, die vielfältig kombinierbar sind. Wie im Computer mit dem Programm sofort einfache Briefe geschrieben werden können, so können im aikido ziemlich bald einfache Grundübungen ausgeführt werden. Wie der Computer viele Kombinationen und Raffinessen bereithält, so hält aikido eine Vielzahl von Übungen bereit, die auch nach jahrelangem Training noch überraschen.

Vom Gegner zum Partner

Das Üben verlangt festes Zupacken der Hände, nicht klammerartig, sondern kräftig und mit den Polstern der Handfläche, als wären diese Saugnäpfe. Dadurch entsteht grundsätzlich zwischen den Übenden ein naher Kontakt, eine Tuchfühlung. Bei einem Angriff akzeptiert die angegriffene Person diesen, geht ihm möglicherweise sogar entgegen. Zugleich nimmt sie das Gegenüber respektvoll wahr, mit den Augen und vielleicht auch mit dem Herzen. Um gleich danach eine Wende herbeizuführen. Die angegriffene Person steht jetzt neben der angreifenden. Aus dem gegenüber Stehen ist ein miteinander Schauen in die gleiche Richtung entstanden. Für beide wird eine Neuorientierung möglich. Aus dem Gegeneinander ist ein Miteinander geworden.

Glück

Mit Eifer und Elan üben junge und alte, kleine und große, deutsch- und fremdsprachige Frauen und Männer miteinander. Es entsteht je länger je mehr eine aufmerksame Spannung im dojo, die alle gleichzeitig beflügelt, die Übungen kraftvoll und achtsam auszuführen. Kein Argumentieren unterbricht. Im Tun wird eine Intensität spürbar, die Fließen und Leichtigkeit ermöglicht.

Kurze Glücksmomente!

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